28.11.2014 Wedemark/Berlin

Immersive Götterfunken: Berliner Philharmoniker in 3D-Sound

Am 9. November 2014 erinnerten die Berliner Philharmoniker mit einem Konzert an den Fall der Berliner Mauer vor exakt 25 Jahren. Im Gedenken an die Opfer der Teilung wurde unter Leitung von Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie Karol Szymanowskis Stabat mater aufgeführt, dem Beethovens Neunte Symphonie folgte. Digitale Mikrofone von Sennheiser und Neumann fingen das besondere Ereignis in höchster Audioqualität für eine spätere Auswertung in 3D-Sound ein.

Digital von Anfang an
Beim Konzert kamen jenseits der im Haus vorhandenen Mikrofone zahlreiche Mikrofonmodelle von Sennheiser und Neumann zum Einsatz – das Konzept hatte Diplom-Tonmeister Gregor Zielinsky, Sennheiser International Recording Applications Manager, in Abstimmung mit den Tonverantwortlichen der Philharmonie erarbeitet. Zielinsky setzte auf einen vollständig digitalen Workflow, wobei die Umsetzung der Mikrofonsignale auf die digitale Ebene am frühestmöglichen Punkt in der Signalkette erfolgte: unmittelbar hinter den Kapseln.

„In der jüngeren Vergangenheit habe ich bereits mehrere große Aufnahmen ausschließlich mit digitalen Mikrofonen realisiert“, berichtete Zielinsky in Berlin. „Mein Eindruck ist, dass vollständig digital realisierte Produktionen einen bestimmten Wesenseindruck von Klang mit sich bringen, und zwar unabhängig davon, welche Stücke aufgenommen wurden. Der Klang ist stets sauber, fein und differenziert. Es ist ein wenig so, als ob man durch eine frisch geputzte statt durch eine trübe Scheibe schaut. Insbesondere bei der Aufnahme klassischer Musikstücke gewinnt die Produktion durch den Einsatz digitaler Mikrofone eine zusätzliche Klangqualität.“

3D-Sound
Das Gedenkkonzert wurde mit einer speziellen Mikrofonierungstechnik aufgezeichnet, die eine spätere Auswertung des Materials in 3D-Sound erlaubt. Wer genau hinschaute, konnte im Saal ein von der Decke abgehängtes Mic-Array in Rechteckform entdecken. Die Spitzen des Rechtecks formten vier Sennheiser MKH 800 TWIN an MZD 8000 Digitalmodulen. Die vier Mikrofone waren in zwei unterschiedlichen Höhen auf gleicher Tiefenebene angebracht.

Jedes MKH 800 TWIN hat zwei Kapseln, deren Ausgangssignale getrennt voneinander abgegriffen werden können. Im konkreten Aufbau zeigte jeweils eine Kapsel nach vorne, ihr Konterpart nach hinten – die Signale werden später in der 3D-Mischung den vorderen und hinteren Lautsprechern zugewiesen. Zu den MKH 800 TWIN gesellten sich vier Neumann KM 133 D, wobei auf die Schallbeugungskugel SBK 133 verzichtet wurde, um dem Sound etwas mehr Brillanz und Offenheit zu geben. Die Neumann-Mikrofone zeigten nach vorn und waren für die unteren und oberen Frontkanäle der späteren 3D-Mischung gedacht. Beim Mixdown wird Gregor Zielinsky die freie Wahl zwischen den Kapseln haben, was beliebige Mischungsverhältnisse zwischen den Mikrofonen erlaubt.

Mikrofonierung
„Mikrofone sind die besten Filter!“, lautet ein bekanntes Bonmot, und gemäß dieser Maxime traf Gregor Zielinsky seine Auswahl. Die ersten und zweiten Violinen waren bei der Aufführung mit jeweils drei Sennheiser MKH 8040 mikrofoniert. Die Blechbläser wurden mit vier Sennheiser MKH 8090 abgenommen, und ein weiteres Mikrofon dieses Typs war Becken und Triangel vorbehalten. Die vier Gesangs-Solisten (Sopran, Tenor, Alt, Bass) sangen in vier MKH 8090; der Chor wurde mit vier MKH 8040 und zwei MKH 8090 akustisch eingefangen. Aus dem Hause Neumann kamen 18 KM 184 D, die sich auf Bratschen, Violoncelli, Kontrabässe, Gran Cassa und die Holzbläser verteilten. An der Harfe waren zwei Neumann TLM 103 D aufgestellt worden.

Digitale Mikrofonlösungen werden bei Neumann in der Produktfamilie Solution-D zusammengefasst, die unterschiedliche digitale Mikrofone, das Interface DMI (zwei- oder achtkanalig) und die Remote Control Software RCS umfasst. Letztere ermöglicht eine komfortable Fernsteuerung der Mikrofone. Signal- und Datenübertragung sowie Speisung, Fernsteuerung und Synchronisation erfolgen gemäß AES42-Standard. Das Interface DMI stellt die Verbindung zu nachfolgenden Audiogeräten her.

Die Sennheiser-Mikrofone wurden in Berlin mit Digitalmodulen des Typs MZD 8000 eingesetzt, die anstelle von XLR-Modulen an die Mikrofonköpfe geschraubt oder abgesetzt an signalführenden Spezialauslegern bzw. Aktivkabeln MZL 8003/8010 betrieben wurden. Vorteilhaft sind die unmittelbare Nähe der A/D-Umsetzung zur Kapsel sowie der Verzicht auf einen konventionellen externen Vorverstärker mitsamt dessen mehr oder weniger stark ausgeprägtem Rauschverhalten.

Redundante MADI-Verkabelung
Von acht Neumann DMI-8 (8 x 8 Kanäle) wurden die digitalen AES42-Audiosignale der Mikrofone parallel in den Formaten AES/EBU und ADAT optical ausgegeben. Ein neuntes Neumann-Interface stand als Spare bereit. Die digitalen Ausgänge waren mit Formatwandlern von RME verbunden, welche die Synthax GmbH als deutscher RME-Vertrieb für das Vorhaben zur Verfügung gestellt hatte. Der mit zwei Netzteilen ausgestattete Formatwandler RME ADI-6432R setzt bis zu 64 AES/EBU-Signale auf MADI um; sein Konterpart ADI-648 verfährt in gleicher Weise mit dem ADAT-Format. Die von ADI-6432R und ADI-648 ausgegebenen MADI-Signale wurden in Berlin auf jeweils einen eigenen, direkt am Gerät bedienbaren Router (RME MADI Router) geführt, der als Splitter genutzt wurde.

Um eine redundante Anbindung sicherzustellen, wurden sowohl der Regieraum der Digital Concert Hall als auch der Gregor Zielinsky zugewiesene Kammermusiksaal-Regieraum mit aus AES/EBU- und ADAT-Signalen generierten MADI-Streams versorgt. „Bei einem Ereignis dieser Art ist man lieber vorsichtig“, kommentierte Dr. Stephan Leschka, Manager Development Electronics and Software bei der Georg Neumann GmbH, das aufwändige Setup. Leschka hatte die Möglichkeit, mithilfe eines RME ADI-642 per Kopfhörer direkt am 19“-Rack in beliebige Signale des vielkanaligen MADI-Streams hineinzuhören.

Für die Taktung des Digitalverbundes wurde die in der Philharmonie vorhandene Houseclock genutzt und über einen Rosendahl Nanoclocks-Prozessor distribuiert. Aufgezeichnet wurden sämtliche Einzelsignale in Pyramix-Workstations (Merging Technologies), aus welchen später WAVE-Files für das Pro Tools-System von Gregor Zielinsky exportiert wurden.

In Echtzeit ohne Parallaxenfehler
Für die Bewegtbildaufzeichnung des Musikereignisses kam eine spezielle am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (www.hhi.fraunhofer.de) entwickelte Kamera zum Einsatz. Die so genannte OmniCam-360 nimmt Bilder im 360-Grad-Format auf. Die ungewöhnlich ausschauende Konstruktion ist mit zehn kompakten HD-Kameras der österreichischen Indiecam GmbH bestückt, die jeweils einen Bildwinkel von 36 Grad abdecken und im Portraitformat montiert sind. Das OmniCam-360-System liefert eine Auflösung von 1.920 x 10.800 Pixel. Insgesamt zehn HD-SDI-Ströme werden von der OmniCam-360 in einen mit HD-SDI-Inputboards und leistungsstarken Grafikkarten bestückten Server geführt. Letzterer setzt die Einzelsignale mit einem ausgeklügelten Stitching-Algorithmus in Echtzeit zu einem nahtlosen Panorama ohne Parallaxenfehler zusammen – ein klarer Unterschied zu für ähnliche Zwecke angebotenen Lösungen aus dem Consumer-Bereich.

„Bei der Zusammenarbeit mit der Digital Concert Hall ist unser Ziel, den Abonnenten künftig nicht nur Zugriff auf die Bilder der TV-Regie zu gewähren, sondern ihnen zusätzliche Blickwinkel auf das Geschehen zu eröffnen, die sie frei wählen können“, erklärte Dipl.-Ing. Christian Weißig, Project Manager Image Processing beim Heinrich-Hertz-Institut. Begeistert äußerte sich Gregor Zielinsky über die potenziellen Möglichkeiten der 360-Grad-Kamera, die als visuelles Pendant zu 3D-Sound betrachtet werden kann: „In Kombination mit dem Rundumbild sprechen wir nicht mehr nur von Immersive Audio, sondern von Immersive Media! Mein Wunsch ist ein noch authentischeres Erlebnis bei der Reproduktion von Musik-Events.“

Digital Concert Hall
Auch ohne einen Besuch in der deutschen Hauptstadt sind Konzerte der Berliner Philharmoniker seit 2008 rund um den Globus erlebbar: Pro Saison werden aus der „Digital Concert Hall“ (DCH) etwa 40 Konzerte als Live-Stream ins Internet übertragen und wenige Tage nach der Aufführung in ein inzwischen äußerst umfangreiches Archiv eingepflegt. „Natürlich kann ein abgefilmtes Konzert das echte Live-Erlebnis niemals vollständig ersetzen“, weiß Diplom-Tonmeister Christoph Franke, der gemeinsam mit Bildregisseurin Katharina Bruner fester Bestandteil des DCH-Teams ist. „Die zusätzliche visuelle Komponente führt allerdings zu einem anderen Empfinden als es beim reinen Hören der Musik ohne begleitendes Bild der Fall wäre.“

In der Vergangenheit wurden bereits einige Produktionen in Kooperation mit dem Heinrich-Hertz-Institut umgesetzt, und Katharina Bruner ist äußerst angetan. „Die 360-Grad-Aufzeichnung ist eine fantastische Sache! Die DCH ist bereits mit großartigen Videomöglichkeiten ausgestattet, aber wie in anderen Bereichen auch gibt es das Bestreben, stets weiter zu gehen – vielleicht kommen wir dem realen Vor-Ort-Erlebnis durch die neue Technik noch einen Schritt näher.“

Alle Menschen werden Brüder!
Interessierte finden die Aufzeichnung des ausverkauften Gedenkkonzerts vom 9. November auf der Website www.digitalconcerthall.com der DCH. In Art und Umfang handelt es sich um ein für die DCH typisches Angebot – die Bilder der 360-Grad-Kamera sowie für eine 3D-Tonwiedergabe geeignete Audiofiles sind online nicht verfügbar.

Für die Berliner Philharmoniker schlossen sich an das Mauerfallkonzert Tourneeauftritte in Halle/Saale, Warschau, Budapest und Prag an. Das Orchester bedankte sich bei den Ländern, die maßgeblich Anteil am Gelingen der friedlichen Deutschen Revolution von 1989 hatten, auf seine ganz eigene Weise: mit dem ausgewählten Werk eines Komponisten des jeweiligen Landes sowie selbstverständlich mit Beethovens Neunter Symphonie und ihrer völkerverbindenden Botschaft.


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Über Sennheiser
Die Zukunft der Audio-Welt zu gestalten und für Kunden einzigartige Sound-Erlebnisse zu schaffen – dieser Anspruch eint Sennheiser Mitarbeiter und Partner weltweit. Das 1945 gegründete Familienunternehmen ist einer der führenden Hersteller von Kopfhörern, Mikrofonen und drahtloser Übertragungstechnik. Sennheiser ist mit 21 Vertriebs-tochtergesellschaften und langjährigen Handelspartnern in über 50 Ländern aktiv und besitzt eigene Produktionsstandorte in Deutschland, Irland, Rumänien und den USA. Seit 2013 leiten Daniel Sennheiser und Dr. Andreas Sennheiser das Unternehmen in der dritten Generation. Der Umsatz der Sennheiser-Gruppe lag 2017 bei 667,7 Millionen Euro.
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