21.02.2013 Wedemark/Berlin

Sternenflüstern in Sibirien – Fragen an Juergen Staack

Herr Staack, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Eisflüstern aufnehmen zu wollen und in einen künstlerischen Kontext zu stellen?

Ich war fasziniert von der Idee, dass Atem bei sehr tiefen Temperaturen gefriert und unter Geräuschen zu Kristallen wird. Eine sehr romantische Vorstellung, die mich einfach nicht mehr losgelassen hat. Bisher hatte noch niemand dieses Phänomen aufzeichnen können, und selbst noch während meines Aufenthalts in Sibirien habe ich manchmal geglaubt, dass das Ganze vielleicht doch nur ein Mythos ist.

Ich beschäftige mich seit langem damit, Fotos in Sprache und Geräusche umzuwandeln und sie dadurch zu abstrahieren und ihnen eine neue Wertigkeit zu geben. Ich komme aus der fotografischen „Ecke“ und war nach meiner Ausbildung rasch desillusioniert vom Medium Foto: Jeder konsumiert es, keiner zweifelt es an, innerhalb der Flut an Bildern hat das einzelne Foto keine Bedeutung, keinen Wert mehr.

In meiner künstlerischen Arbeit lasse ich darum Bilder eine Art Impulsgeber sein. Ich gebe Menschen Bilder und lasse sie darüber sprechen, lasse sie zum Beispiel das Bild beschreiben. Das hat auch mein Interesse an Sprachen geweckt, denn je seltener eine Sprache ist, desto verschlüsselter wird diese Beschreibung; ich brauche dann einen Mittler in die Gedankenwelt, für die diese Sprache der Ausdruck ist.

Haben Sie in Sibirien auch Sprachdokumente aufgenommen?
Ja, für die Ausstellung selbst haben wir einen Geologen aufgenommen, der in Oimjakon lebt und das Phänomen des Eisflüsterns in seiner Muttersprache Jakutisch beschreibt – mit anschaulichen Temperaturbeschreibungen, wie zum Beispiel: „so kalt, dass die Vögel im Fluge erfroren zu Boden fallen“. Außerdem haben wir Tamara, Jegorov und weitere Einwohner des Dorfes aufgenommen.

Und natürlich habe ich in der Zeit, in der wir auf kälteres Wetter gewartet haben, Material für meine Bildbeschreibungen gesammelt. Meist ist es so, dass in meinen Gesprächen mit den Menschen zunächst die Beschreibungen im Fokus sind, dann packt mein Gegenüber aber meist sehr schnell Geschichten aus, singt Lieder – die Folklore eines Volkes entfaltet sich sozusagen vor mir. Aus Sibirien habe ich die Sprachen und Gesänge der Ewenken und Ewenen mitgebracht, die nur 2,2 bzw. 1,6 Prozent der Bevölkerung der Republik Sacha stellen. Bei den Aufnahmen sind auch Teilstücke von „Olonkhos“ dabei, schamanische Geschichten und Gesänge der Jakuten, die zwischen 10.000 und 40.000 Strophen haben und über mehrere Abende hinweg gesungen und gesprochen werden.

Das technische Equipment, das sie auf dieser Reise begleitet hat, ist eigentlich für deutlich gemäßigtere Temperaturen ausgelegt. Was waren die größten Herausforderungen und welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um die Technik am Laufen zu halten?
Wir haben uns so gut wie möglich vorab informiert, mit vielen Leuten gesprochen, unter anderem mit Sennheiser. Natürlich gibt es kein technisches Gerät, das jemals unter solchen Bedingungen getestet worden wäre, und im Internet kursierten die wildesten Geschichten von geplatzten Displays und gebrochenen Kabeln. Wir haben dann sowohl auf Qualität als auch auf Quantität gesetzt und sehr viel Ausrüstung mitgenommen, damit wir immer Ersatz haben würden, wenn etwas ausfiel. Dabei haben wir Geräte und Zubehör von möglichst vielen verschiedenen Herstellern benutzt, Spezialgerät mitgenommen, wo möglich, und analoges mit digitalem Equipment kombiniert.

Tatsächlich war einiges von den Geschichten wahr – Standardkabel sind uns in der Tat zerbrochen. Einmal bin ich mit dem Equipment im Schwung nach draußen geeilt, und die Kabel sind genau in diesem Schwung steif gefroren und ließen sich nirgendwo mehr unterbringen. Also musste ich erst wieder reingehen und sie behutsam auftauen. Bei der digitalen Kamera wurden die Kristalle in den Displays erst unendlich langsam, bevor das Display dann ganz ausfiel; die Kamera funktionierte allerdings noch. Bei der analogen Kamera konnte ich merken, wie der Verschluss langsam einfror.

Wir haben dann so unsere Techniken entwickelt: Die Batteriepacks und die Recorder haben wir am Körper getragen, die entsprechenden Kabel haben wir durch die Ärmel gezogen und alles, was draußen sein musste, haben wir erst kurz vor den Aufnahmen herausgeholt und schon drinnen angestellt. Nicht nur, dass man mit den dicken Handschuhen keine kleinen Schalter mehr bedienen konnte; einiges Equipment funktionierte einwandfrei, wenn drinnen angestellt, verweigerte sich aber, wenn es bei -50° loslaufen sollte…

Was ist Ihr Fazit aus dieser Reise?
Wir haben das Sternenflüstern festhalten können, das ist für mich der größte Erfolg. Ich hätte gerne noch eine zweite Aufnahme gemacht, aber das Wetter war uns nur einmal so wohlgesonnen. Uns sind viele freundliche Menschen eines einzigartigen Volkes begegnet, Menschen mit faszinierenden Traditionen und einem alten Glauben. Man kann Fernweh nach Jakutien bekommen…


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