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Das Weihnachtsalbum
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Das Weihnachtsalbum

Kitsch, Trash und leichte Kost bei schwerem Essen.

Weihnachtsalben haben eine lange Tradition in der Pop-Kultur. Diverse erfolgreiche Künstler haben sich schon an Konzept-Alben zum Fest versucht. Wie immer gilt: Results may vary, sprich: Nicht jeder hat dabei Großartiges geschaffen. Es ist nicht leicht, den Geschmack der Menschen zu treffen, wenn die Musik einen in Stimmung bringen, große Gefühle des Glücks transportieren – und nicht beim Essen stören – soll. 

 

Ein Weihnachtsalbum. Warum? 

Kylie Minogue hat es schon gemacht, The Killers, Michel Bublé, Robbie Williams, Lady Gaga… sogar die Heavy- Metal-Veteranen Twisted Sister haben es (weniger) besinnlich auf „Twisted Christmas“ angehen lassen. Eines der erfolgreichsten Weihnachtsalben der letzten 30 Jahre ist „Merry Christmas“ von Mariah Carey, das sich seit Erscheinen 1994 bereits fast 6 Millionen Mal verkauft hat. 

Was treibt Künstler an, sich im Hochsommer ins Studio zu begeben, den Aufnahmeraum kitschig zu dekorieren und über Rentiere und Küsse unter dem Mistelzweig zu singen? Ist es Geld? Künstlerische Erfüllung? Die meisten von ihnen sagen, dass sie einfach mal Spaß haben wollten. Wenn die Tour zum letzten großen Album vorbei ist, das neue aber noch auf sich warten lässt, kann es befreiend sein, sich und seine Stimme mit Weihnachtsliedern fit zu halten und seinen Fans ein besonderes Geschenk zu machen.  

Nicht zu verachten ist auch der schöne Effekt, dass Fans die Weihnachtsplatte gerne auch in den kommenden Jahren zum Essen, zur Bescherung und zur Einstimmung auf das Fest der Liebe immer wieder auflegen – und auch aufs Neue kaufen. Ein Weihnachtsalbum ist für Musiker eine sichere Bank bei der Altersvorsorge. 

 

Schwer zu ertragen, leicht zu verdauen. 

Dass nicht jedes Album ein künstlerisches Statement ist, nicht jede Aufnahme eine bahnbrechende Errungenschaft der Musikindustrie, das liegt bekanntlich in der Natur der Sache. Wer seinen Fans etwas Gutes tun will mit ca. 12 Weihnachtsliedern und vielen Schneeflocken und roten Kostümen im Booklet, der geht auf Nummer Sicher mit wenig spektakulär arrangierten Traditionals, der einen oder anderen Eigenkomposition und Coverversionen, die nicht allzu weit entfernt sind vom beliebten Original. Der Kitsch-, Trash- und Schmalz-Anteil ist in der Regel sehr hoch, künstlerische Freiheit meist Fehlanzeige. 

Was nicht beim gemütlichen Essen mit der Familie stört und einen beschwingt, ohne aufzuwühlen, hat die Chance, auch im nächsten Jahr wieder aufgelegt zu werden. Oder man dreht richtig auf und führt das Konzept von Weihnachten so ad absurdum, dass außer den Songtiteln nichts mehr an Weihnachten erinnert. So machen das Fun-Punk- oder Heavy-Metal-Bands ganz gerne: Pommes-Gabel statt Herzchen-Symbolik. Der Fan, der sich mit diesen Alben in (Anti-)Stimmung bringt, wird von der Familie allerdings gerne zum Tragen seiner Kopfhörer verdammt. 

 

Die lange Tradition des Weihnachts-Pop. 

Zu den Klassikern, die heute auf keinem Weihnachts-Pop-Album fehlen dürfen, zählen Rudolph the Red-Nose ReindeerHave Yourself A Merry Little Christmas und White Christmas (die bis heute erfolgreichste Single der Welt). Sie sind alle bereits in den 1930ern entstanden. Warum ausgerechnet da? 

Viele Weihnachtsklassiker sind in den 1930ern entstanden - aber warum?
Viele Weihnachtsklassiker sind in den 1930ern entstanden - aber warum?

Es war die Zeit der großen Depression, als diese Songs und Alben entstanden. Gerade in schlimmen Zeiten haben die Menschen das Bedürfnis, sich auf ihre Familie zu besinnen, sich gemeinsam von der Außenwelt abzuschotten (heute nennen wir das Cocooning) und die Sorgen draußen zu lassen. Kein Wunder also, dass in diesem schwierigen Jahrzehnt all die Klassiker entstanden sind. Zudem haben die 20er und 30er des letzten Jahrhunderts einen sehr starken Einfluss auf die Popkultur gehabt. Die Modernität zog ein in die Musik, Jazz wurde Pop, klassische Musik wurde durch neue, tanzbare, Songstrukturen aufgebrochen, die Aufnahmetechnik ließ es zu, auch dem Bürgertum in Massen Musik zugänglich zu machen. Das Radio kam auf – das Tor zur Welt. Aus Musik wurde eine Industrie. Da Musik, die für besinnliche Jahreszeit geschrieben wurde, sich nun einfacher vervielfältigen und in die Wohnzimmer der Welt übertragen ließ, kannte bald jeder die Weihnachtssongs.  

In der Regel erscheinen Weihnachtsalben Ende Oktober, so dass sie im Weihnachtsgeschäft noch schnell für ein paar Wochen in die Charts einsteigen und die Single-Auskopplungen im Radio auf Heavy Rotation gesetzt werden können. In diesem Jahr gibt es Nachschub von Hochkarätern wie Dolly Parton, Meghan Trainor, Carrie Underwood – und auch von der Alternative Rock Band GooGoo Dolls.