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Kaufen, Tanzen, Wohlfühlen - Musik mit Mission
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Kaufen, Tanzen, Wohlfühlen - Musik mit Mission

Die Geschichte des "Shop Pop"

Sie soll uns zum Kaufen aktivieren, dafür sorgen, dass wir gutgelaunt ein paar mehr Teile im Shopping Plaza mitnehmen, als wir eigentlich vorhatten. Sogenannte „Gebrauchsmusik“ oder „Shop Pop“ ist längst ein eigenes Genre geworden, und Ladeninhaber wählen ihre Playlist nach bestimmten Kriterien aus, um ihre Kunden zum Bleiben – und Geld ausgeben – zu animieren.

Tanzbares für die richtige Entscheidung.

Ist sie nicht zu laut, nehmen wir sie fast gar nicht wahr, wenn wir eilig noch was besorgen müssen. Hat das Ladenpersonal sie aber so laut gedreht, dass wir ihr nicht entgehen können, dann hat man sich etwas dabei gedacht. Begleit-Musik ist längst zum elementaren Bestandteil eines Ladenkonzepts geworden. Während wir in der Umkleide schauen wie uns eine Hose oder ein Kleid steht, wenn wir uns Shirts auf den Shop-Inseln ansehen, dann läuft im Hintergrund eine Musik, die bewusst ausgewählt wurde, um uns positiv zu stimmen und in Shoppinglaune zu versetzen. Meist handelt es sich um Hits, die gerade in den Charts sind. Musik, die modern ist, die wir kennen – die uns das Gefühl gibt, nicht von gestern zu sein. Denn wenn wir uns schon etwas Neues kaufen, dann wollen wir up-to-date sein. Kein Wunder also, dass der Shop Pop sich aus radio-kompatiblen, tanzbaren Tracks zusammensetzt, mit dem die breite Masse etwas anfangen kann und die uns das Gefühl gibt, hier eine zeitgemäße richtige Entscheidung für uns selbst zu treffen, mit der wir unser Ich erhöhen. Justin Timberlake ist so jemand, der uns beim Shoppen gerne begleitet. Ariana Grande führt die Shop Pop Top 10 weltweit an, Calvin Harris ebenfalls. Manchmal mischt sich auch ein bisschen Soca und Tropical House in die meist elektronische Playlist – das soll uns ein Gefühl von Sommer, Sonne und Strand geben, auch wenn es außerhalb der Mall gerade winterlich kalt und stürmisch ist.

Heute nennt man das "Shop Pop"

Verhaltenspsychologen und Historiker haben sich schon lange mit jener Musik beschäftigt, die nicht nur der reinen Kunst verhaftet ist, sondern sich in den Dienst einer bestimmten Sache stellt. Noch bevor die erste Shopping Mall eröffnete, gab es sie: die Gebrauchsmusik. Dass der Gattungsbegriff in Deutschland entstand, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass besonders in der Weimarer Republik und im Dritten Reich Musik zu politischen Zwecken eingesetzt wurde, ob in einem erhöhten Aufkommen von militärischer Marschmusik oder in der Komposition von klassischen Musikstücken, die speziell für Kundgebungen und Versammlungen entstanden.

Doch schon lange vorher diente Musik einem Zweck. Die Tanz- und Konzertwalzer des 17. Jahrhunderts entstanden nicht der Liebe zur Kunst wegen – sie sollten die Besucher eines Balls auf die Tanzfläche ziehen. Joseph Hayden komponierte bereits im 18. Jahrhundert seine Musik unter besonderer Berücksichtigung der Reaktion seines aristokratischen Publikums, während Mozart gerne Schockmomente einbaute, um sein schnarchendes Publikum wieder aufzuwecken – eine Komposition, die es sicher nicht gegeben hätte, wenn es ihm um reinen Schön-Klang gegangen wäre. Die Kammermusik ist eine Form der funktionalen Musik – und eben weil an Zielgruppen und Effekte auf die Zuhörer dachte, konnte sich Musik schließlich auch im Bürgertum etablieren. Erzählende Musik wie Opern und Musicals sind ebenfalls hier einzuordnen, denn die Kompositionen dienen der Geschichte und sind nicht vom Tanz und Schauspiel zu trennen. Auch Filmmusik erfüllt den Zweck, die Bilder und Szenen zu unterstützen, sich weitestgehend im Hintergrund zu halten.

Ein auditiver Blick hinter die Kulissen.

Wer demnächst Shoppen geht, sollte einmal genau hinhören: Was wird im Store unserer Wahl gespielt? Warum hat man eben diese Tracks ausgewählt? Was sollen sie in mir verändern oder triggern? Die Auswahl der Musik zu verstehen ist irgendwie auch wie ein Blick hinter die Kulissen des Store-Konzepts. Und der kann durchaus Spaß machen.

 

Foto: istockphoto by Getty Images