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Staffellauf der Emotionen
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Staffellauf der Emotionen

Pandemie-Podcasts, Eskapismus und pure Ironie. Was weltweite Krisen wie Corona mit unseren Hörgewohnheiten machen und was sie uns über uns selbst erzählen.

Eine ganze Generation weiß noch, wo sie gerade war, wie sie davon erfahren und welche Songs sie gehört hat, als im Jahr 2001, an jenem Tag im September, die Twin Towers in New York einstürzten. In den Folgemonaten sahen wir alle dieselben Bilder der zerstörten Hochhäuser, immer und immer wieder. Meistens lief dazu Enya mit Only Time oder R.E.M. mit Everybody Hurts. Der Soundtrack einer Krise zu sein, den „Hit“ zu liefern zum schlimmsten Ereignis einer Generation, das ist auch für Künstler kein Geschenk, und manchmal ist ein gut gemeinter Song plötzlich unmittelbar mit dem grausamsten Tag im Leben seiner Fans verbunden – so hat das sicher kein Songwriter geplant. 

Im Jahr 2020, zu Zeiten von Corona und den damit einhergehenden Shutdowns, sieht das alles etwas anders aus – und sagt viel darüber, was wir in weltweiten Krisensituationen hören und konsumieren. Auch die weltweite Pandemie hat ihre Hits hervorgebracht. Doch diesmal kann sich die Welt nicht so recht auf den einen, den alles erzählenden Song einigen. Wenn man sich die meist-gehörten Spotify-Playlists und das Hörverhalten der Menschen anschaut, so ergibt sich ein in sich immer wieder überraschendes und diverses Bild: Von der Sehnsucht nach glaubwürdigen Informationen über Eskapismus bis hin zu kompletter Ironie (oder gar: bitteren Sarkasmus) ist alles dabei. 

Ein emotionaler Staffellauf

Dass mit Toxic von Britney Spears und Don’t Stand So Close To Me von Police zwei Songs auf den oberen Rängen der Streams rangieren, mag zumindest inhaltlich nicht verwundern, auch wenn die Message der Songs vor 16 und vor 40 Jahren natürlich eine ganz andere war als wir heute augenzwinkernd hinzudichten. Dass sich unter die Corona-Hits aber auch Girls Just Wanna Have Fun von Cyndi Lauper und Wannabe von den Spice Girls mischen würden, hat wohl keiner absehen können.  

Interessant dabei ist: So wie die Pandemie für uns alle kaum ein kollektives Gefühl der Ohnmacht oder des Schocks generiert, sondern vielmehr eine ambivalente Stimmung in jedem von uns vorherrscht, ist auch das persönliche Bedürfnis nach Musik bei jedem ein anderes. 2001 war klar, wie wir uns fühlen sollen. Trauer, Fassungslosigkeit, Mitgefühl: Da war es einfach, der emotionalen Botschaft von Only Time und Everybody Hurts zu folgen. Zu Zeiten von Corona entwickelt sich eher ein buntes Potpourri an Emotionen. Viele Menschen sind hin- und hergerissen zwischen Angst, Entschleunigung, Wut, Stress und Langeweile. Emotionen wechseln sich schnell ab wie bei einem Staffellauf – und mit ihnen der Soundtrack zum Moment. 

Im Zweifel für die guten alten Zeiten 

Spotify erklärt ein weiteres Phänomen und holt sich zu dessen Interpretation einen Verhaltensforscher zu Hilfe. Sogenannte Throwback-Playlists mit den größten Hits der 80er, 90er und 00er Jahre sind mit jeweils bis zu 10 Millionen Fans die erfolgreichsten: ABBA, Bon Jovi, Bowie, Queen: „Die Klassiker bringen viele von uns in eine Zeit zurück, in der sich unser Leben einfacher anfühlte und wir mehr Kontrolle hatten”, so Spotify in einer offiziellen Mitteilung im April. 

Wer nicht nur flüchten, sondern die aktuelle Lage der Welt verstehen will, hört verstärkt Podcasts. Weltweit haben Wissenschaftler erkannt, dass das tagesaktuelle Medium eine gute Möglichkeit bietet, die Welt aufzuklären und zu informieren, ohne dabei als Gast durch Fernsehsendungen tingeln zu müssen. Und die Hörerzahlen geben ihnen recht. Corona hat dem Podcast-Trend einen weiteren Schub verpasst, der auch in Zukunft nachwirken wird. Und er hat einen entscheidenden Vorteil: Podcast-Abonnenten hören aktiv zu und konzentrieren sich. Sie wollen wissen und verstehen, sich ernsthaft mit der Situation und dem Thema auseinandersetzen. 

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