A Bu

Und das Kind zeigte zum Klavier

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Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Jazz aus China? Lief bisher eher unter dem Radar. Mit A Bu könnte sich das ändern. Der junge Pianist bringt alles mit für eine große Karriere. Portät von einem, der schnell erwachsen werden musste.

  • Autor: Carlo Roschinsky
  • Fotos: A Bu
„Vier Jahre war er alt, da nahm ihn sein Vater mit in einen Instrumente-Geschäft.“

Der Begriff Wunderkind ist ein komplizierter, man sollte ihn mit Vorsicht genießen. Wunderkind wird von den Menschen genannt, wer jung ist und talentiert. Wer Potential hat, gute Ansätze oder frühe Meisterschaft. Journalisten bedienen sich inflationär gerne der Wunderkind-Analogie. Aber ein Ansatz kann verkümmern und Potential unausgeschöpft bleiben. Im Fußball, im Kino, in der Musik wimmelt es von Wunderkindern, also einstigen, über die man sich heute nur noch wundert. Insofern gehört die Frage, welchen Weg der blutjunge A Bu einschlagen wird, ohne Zweifel zu den spannendsten des Jazz.

A Bu heißt eigentlich Dai Liang, ein Teenager noch, aus Peking. Vier Jahre war er alt, da nahm ihn sein Vater mit in einen Instrumente-Geschäft. Der Bub zeigte auf das größte und beeindruckendste Ding, das ausgestellt wurde, ein schwarzer Kasten mit weißen Tasten, viel größer als er selbst. So kam A Bu zum Klavierspiel. Er sollte ihn nicht mehr los lassen.

Mit sieben Jahren stellte sich A Bu am Musik-Konservatorium Pekings vor – und wurde abgelehnt. Zu jung, hieß es damals. Er solle später wiederkommen. Man kann sich vorstellen, wie das Veto die ehrgeizigen Eltern, mehr aber noch den Jungen selbst beschäftigt haben muss. Im Vorwärts-China ist Ablehnung immer auch Schmach. A Bu lernte alleine weiter. Mit neun Jahren wurde er wieder vorstellig. Das Konservatorium akzeptierte ihn, es musste diesmal, zu gut war dieses Kind. Genie, vielleicht. Große Hoffnungen auf jeden Fall.

A Bu

Seither hat sich A Bu systematisch weitergebildet. Hat Musiktheorie gelernt, Latin, Klassik. Wie ein Schwamm saugt er auf, was ihn interessiert. Ein Musterschüler, aber aus den richtigen Gründen. A Bu, der Autodidakt, brachte sich Gitarre, Saxophon und Bass bei, war unersättlich, wollte immer mehr, mehr, mehr. Kleinen Café-Gigs folgten größere Konzerte.

Vielleicht ein Genie.

Mit Schlagzeuger Shao Haha und dem Bassisten Ma Kai formierte er sich zum A Bu Trio, was einerseits seinem Drang geschuldet ist, in der Gruppe zu spielen – andererseits aber auch als Referenz an die Großen verstanden werden darf, die alle ihr eigenes Trio hatten, mithin also als Selbstbewusstseinsgeste. Auch wenn A Bu sagt, es gehe ihm nur um die Dynamik im Raum. „Man kann voneinander lernen, sich gegenseitig antreiben und besser machen.“ Zu dritt spielen er und die Mitstreiter eleganten Standardjazz, streuen aber auch exotische Rhythmen und klassische Themen. Hörbar war das nicht zuletzt auf der grandiosen Platte „88 Tones of Black and White“, die Coltrane und Thelonious Monk genauso versammelte wie Petrucianni und Bach.

Im Gespräch wählt A Bu jedes Wort mit Bedacht. Er formt die Sätze gedanklich vor, redet langsam, korrigiert sich und schweigt. A Bu traut seinen Tönen, seinen O-Tönen traut er noch nicht. Nicht völlig. Ein Interview mit ihm ist das Gegenstück zu seinen Konzerten, die wild sind und schnell und auf den Punkt abgeliefert. „Er genießt es sehr, vor Publikum aufzutreten“, sagt auch sein deutscher Produzent Jakob Händel.

A Bu nimmt in New York auf
„Er sitzt sechs Stunden pro Tag am Flügel.“

Nun ist China nicht unbedingt als Jazz-Hochburg bekannt. Lange hatte es das Genre schwer dort, galt als elitär, war nur Nische. Das ändert sich langsam. Es gibt das Beijing Jazz Festival, es gibt große Konzertsäle, es gibt kleine Jazz-Cafés. Und es gibt jetzt A Bu. Der sitzt sechs Stunden pro Tag am Flügel, um sich zu rüsten für den Wettbewerb, der ihn jenseits von China erwartet. „Man lernt immer dazu, selbst die Legenden haben auch im Alter noch jeden Tag geübt, um neue Dinge auszuprobieren“, sagt A Bu.

Vor einem Jahr ist er nach New York gezogen, um an der Juilliard Schule zu studieren. In den Avatar Studios hat er sein zweites Album aufgenommen, es klingt reifer als das Debüt, was mit Kenntnis von A Bus Alter eine erstaunliche Feststellung ist. Vielleicht hat ihn das Terrain inspiriert, der Big Apple, hier wurde der große, legendäre Jazz immerhin geboren, die Melodien von Joe Henderson und Oscar Peterson. Es geht für A Bu jetzt auch darum, in anderen Maßstäben zu denken und zu bestehen. Im Studio oder Proberaum ist er fast immer der Jüngste. „Aber oft vergessen wir den Altersunterschied völlig“, sagt der Junior. Er spielt hier auf einmal mit Kalibern wie Antonio Hart, David Berkman und Jeb Patton, mit Randy Ingram und Jeremy Siskind.

Abgemischt wurde das neue Album im Jazzanova Recording Studio in Berlin. A Bu gilt als Perfektionist, die Klangqualität muss überragend sein, drunter macht er es nicht mehr. Und natürlich ist auch das eine Botschaft an die Branche: Wenn das zweite Album globusumspannend gerät, wenn zwei Studios in zwei Ländern mittüfteln. Axel Reinemer, Chef bei JRS in Berlin, erinnert sich: „A Bu hat genaue Vorstellungen, wie seine Musik klingen soll. Er komponiert alles selbst und war die ganze Zeit bei der Mischung dabei. Wenn er sich ans Piano setzt, taucht er seine eigene Welt ein und beschwört Stimmungen, von denen man kaum glaubt, dass da ein Fünfzehnjähriger spielt.“ Die Spielfreude von A Bu war in Berlin so groß und der Klang des Flügels so optimal, dass der Teenager am vierten Tag noch ein Piano-Album einspielte. Ungeplant. Solo. Einfach so.

A Bu muss jetzt in anderen Maßstäben denken und bestehen, daran wird sich sein Erfolg bemessen.

Warm und virtuos ist sein Spiel längst, die Improvisationen zwischen den Stücken baut A Bu ein, als sei ihm das ein Leichtes. Schließt man die Augen und lauscht, glaubt man tatsächlich einen erfahrenen und branchengestählten Meister an den Tasten. Aber dann ist da dieser Teen, auf dem Papier jung und im Gesicht noch jünger, und spielt. In diesem Jahr gewann er so in Montreux, der heiligen Weihe des Jazz, die Parmigiani Jazz Solo Piano Competition. Der Preis gilt in der Branche als Gradmesser. A Bu ist karrierebedingt erwachsen geworden, schneller als andere.

Kein Wunderkind mehr. Aber am Klavier immer noch ein Wunder.

A Bu in den Avatar Studios