Hannes Schmid

Schmid und wie er die Welt sah

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Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Hannes Schmid hat alles erreicht in der Fotografie. Er hat die größten Rockstars fotografiert, die schönsten Labels, den Marlboro-Man. Er ist einer der bekanntestes Fotografen der Welt, er könnte sich zur Ruhe setzen. Aber das ist dieses eine Projekt, das ihm keine Ruhe lässt. Es soll sein Vermächtnis werden. Atelierbesuch bei einem Getriebenen.

  • Autor: Carlo Roschinsky
  • Fotos: Johannes Siemes, Hannes Schmid
  • Video: Moodmacher

Wenn es Nacht wird über Zürich, ist Hannes Schmid wach. Schmid kann nicht schlafen. Schmid will nicht schlafen, Schmid muss arbeiten. Sein Projekt, sein Projekt, sein Projekt. So viel Arbeit. Alle anderen schlafen, Hannes Schmid bleibt wach.

Vier Stunden tankt er träumend Kraft, zwischen 21 und 23 Uhr und dann nochmal von fünf bis sieben. Davor, dazwischen, danach, bei Nacht und am Tag, sitzt Schmid in seinem Büro. Dort hängen drei große Uhren. Eine für Zürich, da wohnt er. Eine für Peking, die Chinesen lieben seine Kunst. Und eine für Phnom Penh, wo sein Hilfsprojekt verortet ist. Man kann sagen, dass die ersten beiden Uhren Schmids erstes Leben anzeigen. Die Heimat, den Erfolg, den Ruhm. Die dritte Uhr aber, die tickt im Takt seines neuen Lebens. Sie ist es, die ihn noch treibt.

Hannes Schmid ist ein Schweizer Fotograf, einer der besten der Welt. Viele seiner Bilder hat man schon mal gesehen, oft wecken sie eine Ahnung, man denkt kurz nach, dann fällt der Groschen. Schmid hat geschafft, wovon jeder Fotograf träumt: Motive schaffen, die Kult werden. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Dafür wurde er von der Kunst kanonisiert. Seine Werke hängen weltweit in Museen. Und natürlich ist Schmid mehr als nur Fotograf, er filmt und schreibt, er organisiert Performances, Konzerte und baut raumgreifende Installationen.

Warum man über Schmid in einem Musikmagazin berichtet? Die einfache Antwort wäre: Weil er auch Rockstars abgelichtet hat. Aber das ist nur ein Mosaik der Wahrheit. Die größere Antwort muss lauten: Weil die Grenze zwischen Musik und Fotografie natürlich fließend ist, vor allem bei einem wie ihm; weil all seine Bilder Rock sind, sich dem Betrachter entgegenwerfend, und weil Schmid der Rockstar der Fotowelt ist. Er selbst würde das zwar verneinen, aber es stimmt.

Und passt es nicht zu einem Rockstar, dass er sich, 68 Jahre alt, nicht mehr der Jüngste, besinnt, seine Kräfte bündelt, für ein letztes, großes Projekt? Die Uhr. Phnom Penh. Das ist es.

Noch mal Kräfte bündeln. Noch ein Projekt. Das Große. Das letzte vielleicht. Phnom Penh.

In den späten Siebzigern hatte Schmid das erste Mal Kambodscha bereist, es war die Zeit von Pol Pot, und der Fotograf kann bis heute nicht verstehen, wie der Westen den Roten Khmer einfach zuschauen konnte. Warum niemand das Morden gestoppt hat, wieso das Regime nie aufgearbeitet wurde. Bis heute existiert in Kambodscha die Praxis, Kinder mit Säure zu überschütten und so für kleine Delikte oder auch völlig willkürlich zu strafen. Schmid traf Mädchen, denen das Gesicht genommen wurde. Er wollte helfen, wusste nicht wie, erfuhr, dass die Geschändeten auf dem Müll leben – und zog selbst auf eine Müllkippe. Es war seine Art, sich den Umständen anzupassen.

„Unsere Kinder in Europa haben Rechte. Recht auf Bildung, auf medizinische Versorgung, auf Wasser, sogar auf Liebe“, sagt Schmid in seinem Zürcher Atelier. „Aber in Kambodscha versuchen die Kinder nur zu überleben, nicht mal zu leben. WIESO?“ Diese Frage stößt der drahtige Mann in den Raum, dort bleibt sie hängen, groß und schwer, Schmid schweigt.

Am Anfang wollte er auf eigene Faust helfen. Es war der allzu verständliche Reflex eines über die Zustände Verzweifelten. Schmid kaufte säckeweise Reis, brachte Medikamente aus der Schweiz, verteilte Mineralwasser und Milchpulver. Zwei Jahre ging das so, zwei Jahre, die den Fotografen auszehrten. Eines Tages saß er auf der Pritsche eines reisbeladenen Lasters und dachte: 'Hannes, was machst du hier, so geht es nicht. Du wirst die nächsten zwanzig Jahre Reis kaufen und bewirkt hast du am Ende gar nichts.'

Schmid begann, seine Unterstützung anders zu planen. Größer, nachhaltiger. Er begann, in globalen Zusammenhängen zu denken. Mit dem Anwalt Dominique Ruetimann gründete Schmid das Projekt Smiling Gecko, in der Schweiz als Verein registriert, in Kambodscha als NGO, was ihnen Landkauf ermöglichte. Vorher hatte Schmid kleine Schritte getan. Nun machte er Quantensprünge.

Hannes Schmid
„Wer ist der Typ? Ein Fotograf? Raus mit ihm!“

Es ist nicht so, dass es die kambodschanische Fürsorge gebraucht hätte, damit Schmids Name für die Nachwelt bleibt. Der Schweizer ist eine Legende. Als Barack Obama in einer Rede beschwor, Amerika müsse sich wieder auf seine Grundwerte besinnen, 2009 war das, da prangte hinter dem US-Präsidenten ein riesiges Bild des Marlboro Man. Eine amerikanische Ikone. Geschaffen hat sie Hannes Schmid.

Schmid, 1946 geboren, gelernter Elektriker und Beleuchtungstechniker, brachte sich die Fotografie in Südafrika bei. Er ging auf Reisen und knipste, knipste, knipste. Erst den afrikanischen Kontinent, dann Asien, Schmid landete in Singapur, flog weiter, in den Dschungel, oft waren es Zufälle oder flüchtige Bekanntschaften, die ihn von einem Ort in den nächsten trieben. Er fotografierte uralte Stämme, Orang-Utans, wohnte bei Kannibalen. Ein ganz normaler Wahnsinn, neugierig, clever und jung. Hungrig auf das Leben.

Zurück in Deutschland, krank und müde, schleppte ihn ein Freund zu einem Konzert. Schmid war lange weg gewesen, die Musik befremdete ihn. So roh und laut, und dann die Fans, die ihre langen Haare schüttelten. Der Freund schleifte ihn auch noch zum Abendessen mit der Band in ein Lokal. Als der Sänger erfuhr, Schmid sei Fotograf, wollte er ihn rauswerfen lassen. Aber Schmid erzählte von den Kannibalen, vom Dschungel, von seiner Welt. Der Sänger war gebannt, er bot Schmid an, seine Band zu fotografieren. Der Sänger, das war Francis Rossi. Die Band hieß Status Quo.

Zwischen 1978 und 1984 begleitete Schmid mehr als 250 Bands. Es war die Ära des Rock. AC/DC. Queen. Die Stones. Schmid wurde weitergerreicht, von Marley zu Nazareth, von Nina Hagen zu ABBA. Wieder lebte er aus dem Koffer. Schnupfte Tabak neben den koksenden Stones. Fand den toten Bon Scott. Über 70 000 Fotos machte Schmid, es sind, aus heutiger Sicht, unfassbare Aufnahmen. Ungeschminkt zeigte Schmid die Stars: gelangweilt im Hotelzimmer, brav daheim, backstage mit Zigarette und Bier. Spontane Aufnahmen, ohne Überhöhung oder Verklärung. Lemmy Kilmister, Chefsäufer und Chefsänger von Motörhead, mit fettem Pickel auf der Nase. Schmid lacht sich heiser, als er die Seite aufblättert. „Lemmy hat immer gesagt: Junge, auf deinen Bildern bin ich der hässlichste Mensch der Welt – aber ich liebe sie.“

Irgendwann stieg Schmid aus. Ihn ödete der Rock an. Soundcheck, Konzert, Party. Soundcheck, Konzert, Party. „Eine brutale Repetition“, sagt er heute. Schmids Kollegen hätten getötet, um mit den Stones zu touren oder Freddie Mercury seinen Joint zu rollen. Schmid war die immergleiche Dauerschleife zu viel geworden – und deshalb nicht mehr genug. Er hatte sich nie für die Musik interessiert. Eigentlich interessiert er sich für gar keine Musik. Fragt man Schmid, was er hört, sagt er: alles. Die Antwort eines Musikgelangweilten.

Hannes Schmid
„Hannes Schmid sagt, dass es keinen Hannes-Schmid-Stil gibt.“

Schmid wollte Realität inszenieren. Also wechselte er in die Mode und ließ Models auf Elefanten steigen, an den Everest und vor die Eigernordwand. Die Industrie, anfangs geschockt, überhäufte ihn bald schon mit Aufträgen. Seine Bilder wirkten wie Reportage-Fotografie, waren aber eindeutig arrangiert. Schmid schuf die perfekte Illusion. Und wenn er sich zu wiederholen drohte, brach er zu neuen Ufern auf.

Hannes Schmid sagt, dass es keinen Hannes-Schmid-Stil gibt. Sein bleibendstes Werk wurde der Marlboro Man, ein Cowboy, einsam in den Sonnenuntergang rauchend und reitend. Jeder kennt die Kampagne, für die Schmid von 1993 bis 2002 shootete. Der Marlboro Man steht für den amerikanischen Traum, in Schmids Atelier hängt er überall. Auf Leinwand, in Öl, klein, groß. Der Marlboro Man hatte eine Strahlkraft, wie sie heutige Werbung längst nicht mehr entfaltet. Schmid standen unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Er war er auch einer der letzten Herolde aus dem l'age d'or des Markenfetischismus.

Aber Schmids Kalender ist immer noch durchgetaktet. In der Woche, in der man ihn trifft, hat sich auch noch das Schweizer Fernsehen angekündigt, außerdem Investoren und Mäzene, Freunde und Kollegen, Magazine und Zeitungen. Schmid, verheiratet mit einer Chinesin, Vater zweier Kinder, hat zu tun.

Bald fliegt er wieder nach Kambodscha. Er ist jeden Monat vor Ort. Sein Projekt braucht ihn als moralische Unterstützung, aber wenn man Schmid zuhört, wirkt es, als brauche er das Projekt auch. Smiling Gecko betreibt ein Areal außerhalb von Phnom Penh, mit Hühnerfarmen, Fischteichen und Schweinezucht. Kambodschanische Familien, die Schmid auf seiner Müllhalde kennengelernt hat, arbeiten und leben jetzt hier. Sie bestellen die Felder, sähen Pflanzen aus, bringen die Ernte ein. Schmid hat landestypische Stelenhäuser bauen lassen. Eine Schule gehört zum Projekt. Derzeit entstehen Textilfabriken. Schmids Organisation begleitet die Farmer einige Jahre, lernt sie an, und irgendwann, wenn er sicher sein, dass sie es alleine schaffen, will er ihnen das Land überschreiben.

Hannes Schmid
„Der Kauz, der Chaot, der Rebell. Anders als die anderen.“

„Mir war klar, dass das, was ich mache, einen kommerziellen Hintergrund haben muss. Die Leute müssen eigenes Geld haben, sie müssen Sachen kaufen können, nur dann funktioniert es.“ Hilfe zur Selbsthilfe nennt man das im Branchenjargon, für Schmid ist der Ansatz zur Maxime geworden. Im Gegensatz zu Prominenten, die Charity nur für ihr Gewissen betreiben, kämpft sich der Schweizer ab. Steht nicht nur mit seinem Namen ein, sondern auch mit dem Herzen. Man hat fast Angst, was mit Schmid passiert, sollte Smiling Gecko scheitern. Aber danach sieht es nicht aus.

Der Fotograf Hannes Schmid, er ist zum politischen Wesen geworden. Redet über dritte, zweite, erste Welt. Über globalen Handel, verschwendete Gelder und verfehlte Hilfen. „Ich bin nur ein Verrückter mit einer Vision. Ich darf dumme Fragen stellen“, sagt Schmid. Stimmt unser Gefüge noch? Was ist mit der Demografie? Wohin geht die Entwicklung? Fragen, die ihn vor zwanzig, fünfzehn, zehn Jahren nicht geplagt haben. Fragen, wie man sie im letzten Lebensdrittel stellt. Mit dem Unterschied, dass Schmid auch Antworten gibt. Dass er daraus Handlungen ableitet. Ideen, Visionen, Projekte. Da wird der Philosoph, der nur denkt, wieder zum Künstler, der auch schaffen muss.

Erfahrungen aus früheren Projekten bringt er in Kambodscha ein, und Kambodscha wirkt in andere aktuelle Projekte. Nie ist Schmid mit einer Sache ganz durch. Müsste man sich sein Leben als Buch vorstellen, es wäre, als würde er immer wieder Seiten, die aus einem Kapitel stammen, herausreißen und in ein anderes Kapitel hineinleimen. Schmids Leben ist eine Enzyklopädie, voller Querverweise, Fußnoten und Referenzen, von vorne bis hinten vernetzt, die gemeinsame Konstante: allein er selbst.

Mit diesem Habitus ist Schmid der Andere geblieben. Der Kauz, der Chaot, der Rebell. Der, der sich traut, wovor andere zurückschrecken. Im Grunde hat Schmid alles, was nach den Kannibalen kam, so fotografiert, als würde er immer noch Kannibalen fotografieren. Das hebt ihn aus aus der Masse an Bildermachern, die gut und professionell abliefern, aber auch sehr ähnlich, ängstlich fast. In einer Branche, die nach Regeln funktioniert, ist Schmid bis heute die Ausnahme.

Die Gegend, in der Schmids Atelier und Archiv untergebracht sind, Kreis 12, Dreieck Zürich-Ost, ist überhaupt nicht Bohème. Autobahnnähe, Plattenbauten, Wohnkasernen, ein Schwimmbad hier, eine Schule dort. Aber wer bei Nacht vorbeispaziert, sieht ein Lichtlein brennen. Oben, in der ersten Etage, über der Garage, leuchtet es. Und Hannes Schmid wird wach sein.

Hannes Schmid