Moods, Zürich

Livemusikstreaming, das die Vorstellungskraft übertrifft

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Wie die Zukunft klingt? Das erfahren Sie hier – wo die Musik spielt. An den Orten, an denen Innovative und Experimentierfreudige zusammenkommen, um gemeinsam mit anderen Neues zu hören und neu zu hören. Wir laden Sie ein, einen Blick hinter die Kulissen dieser Audiowelten zu werfen: angesagte Clubs, legendäre Aufnahmestudios, Kunst- und Klanglocations

An der Decke hängen jetzt sechs weitere Subwoofer, nur für ihr enormes Gewicht fehlen noch neue Träger. In Planung sind sie natürlich. Gerade werden die Wände gestrichen – was vorher blau war, wird bordeauxrot. Auf der Bühne gibt es schon die Aussparung für den neuen Subwoofer, der mittig unter der Bühne angebracht wird. Im Moods, dem bekanntesten Jazzclub der Schweiz und einem der angesehensten Europas, wird renoviert. Der Club rüstet sich für die Zukunft neuer Audioformate. Bis zur Neueröffnung am 9. September sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein. Dann werden hier, im Zentrum Zürichs in einer ehemaligen Schiffsbauhalle, wieder Jazzmusiker von Weltformat auftreten. Mehr als 350 Konzerte bietet das Moods jährlich. Sechs davon könnten vor dem Umbau die Zukunft der Musik revolutionieren – vor allem, was deren Verbreitung und neueste Technologie angeht.

  • Autor: Gunter Ullrich
  • Fotos: Sennheiser Sound Academy, Moods

„Diese sechs Konzerte waren der erste Schritt einer hoffentlich noch lange bestehenden Zusammenarbeit“, sagt Veronique Larcher, die Sennheisers 3D-AMBEO®-Programm leitet. Und um genau dieses Programm ging es im Moods: Dort wurden zum ersten Mal Konzerte mit der AMBEO®-Technologie aufgenommen, um sie später im 3D-Sound mit Hilfe von Livestreaming einer großen Masse verfügbar zu machen. Hier sehen Larcher und Sennheiser enormes Potenzial, was die ultimative Sounderfahrung mit exzellenter Klangqualität betrifft und neue Wege des Zuhörens eröffnet. Für Musiker genau wie für Musikliebhaber.

Sound, der eine ganz neue Atmosphäre kreiert

„Wir denken da an drei verschiedene Arten der Nutzung und Zielgruppen“, sagt Larcher. Da wäre der ganz normale Nutzer, der die Musik mit der innovativen Technik über das Internet in sein Wohnzimmer streamt. Zweitens: das Livestreaming bedeutender Konzerte in große Kinosäle, wie es aktuell schon bei Opern und Musicals angeboten wird. „Bald wollen wir dieses Angebot um Pop und Rock erweitern“, sagt Larcher. „Es wird über die Vorstellungskraft der momentanen Streamingmöglichkeiten hinausgehen.“ Und drittens: Virtual-Reality-Livestreaming.

Eingangsbereich vom Moods in Zürich
„Wir werden noch nie da gewesene Musik-Qualität liefern.“

In diesem Kontext ist Sennheisers nächste Audiovision zu sehen. „Wir wissen, dass es einen Streamingboom gibt“, sagt Larcher. „Aber noch sind viele Nutzer nicht bereit, für Streaming zu bezahlen. Wir wollen mit binauralem Sound eine Atmosphäre kreieren, für die man gerne bezahlt.“

Dieser Boom sieht momentan so aus: Die Nutzerzahlen sollen in den kommenden Jahren zwar immer weiter steigen, das Umsatzwachstum aber soll enorm zurückgehen. Dabei ist Streaming vor allem für jüngere Menschen immer wichtiger. Allein in Deutschland streamen mehr als die Hälfte aller Internetnutzer zwischen 14 und 29 Jahren ihre Musik. Statt sie langwierig runterzuladen, speichern sie Musik nur zwischen und können Audiodateien so direkt und ohne Wartezeit wiedergeben.

Klingt erstmal gut, hat aber einen entscheidenden Nachteil. Die momentane – in Stereo aufnehmende – Technologie kann nicht den authentischen, kompletten Sound streamen. Ein großer Teil dessen, was der Künstler spielt, wird ganz einfach nicht aufgenommen, um die Filegröße klein zu halten. Die konventionelle Audiotechnologie kann zwar jede gespielte Note und jede geflüsterte Zeile erfassen, aber nicht die komplexe, umfangreiche Variabilität wiedergeben.

„Wer Jazz hört, legt Wert auf exzellenten Sound“

Um genau diese Feinheit der Musik übertragen zu können, hat Sennheiser eine kreative Möglichkeit des Aufnehmens geschaffen: einen Dummykopf.

„Der KU100-Dummy ist der Versuch, einen menschlichen Kopf zu imitieren“, sagt Johannes Kares, 3D-Toningenieur aus dem AMBEO-Team. Zwischen der Aufnahme mit einem Dummyhead und der mit einem Stereosystem besteht ein entscheidender Unterschied: Beim Stereomikrofon lokalisiert der Mensch den Sound zwischen beiden Ohren, beim KU100-Dummy kann der Sound in allen drei Dimensionen ganzheitlich erlebt werden. Kares hat seinem künstlichen Kopf, dem Neumann KU100-Dummy, zwei Mikrofone eingebaut. Genau dort, wo sonst der menschliche Gehörgang liegt. Mit ihnen können zwei Kanäle aufgenommen werden – genug für den 3D-Sound. „So kann man die Musik von oben, unten, aus allen Richtungen um einen herum hören.“

Das Moods und die Jazzmusik liefern da das perfekte Testfeld. „Jazz ist so umfangreich“, sagt Veronique Larcher. „Wer ihn hört, legt Wert auf exzellenten Sound. Die Zuhörer wollen eine hohe Qualität.“

Bar des Jazztempels

Jazz beruht seit mehr als hundert Jahren darauf, dass man ihn nicht festlegen kann. Er verändert sich immer und immer wieder, ist keine reproduktive Musik. Auf der Bühne, während einer Liveshow, findet der kreative Prozess statt. Um ihn ultimativ zu erfassen, hat Kares neben dem Dummy weitere Mikrofone im Moods installiert. Sie hängen von der Decke herab und stehen vor jedem Instrument. Sie nehmen die einzigartigen Performances im Club auf und bewahren die echte, spontane Atmosphäre. Die Sänger behandeln den KU100-Dummy wie einen menschlichen Kopf. Sie singen mal in sein rechtes, mal in sein linkes Ohr oder frontal auf ihn zu. Wenn sie sich seiner Seite zuwenden, scheint es, als würden sie ihm in einem voll besetzten Saal Geheimnisse zuflüstern.

Diese geheimnisvolle Atmosphäre wird nun für Jazzliebhaber in einer nie dagewesenen Qualität streambar gemacht. Momentan befinden sich die aufgenommenen Konzerte aus dem Moods auf Kares Computern in Wien, wo sie in der Postproduktion zu 3D-Sound gemischt werden. Nach dem Umbau des Moods sollen auch sie fertig sein. „Sobald unsere Plattform dann gelauncht ist, wollen wir neue Shows aus dem Moods in AMBEO® streamen“, sagt Larcher.