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Sinead Harnett

People

Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Entdeckt wurde sie auf Twitter, die britische Musikpresse balzt schier um die talentierte Londonerin. Alle warten auf ihr Debütalbum. Doch Sinead Harnett lässt sich Zeit.

  • Autor: Mia Wenner
  • Fotos: Ben Etridge
„Eine Verheissung, ein Versprechen, ein Appetizer für ihr erstes Album.“

Wenn jede große Karriere mit einer urban legend beginnt, muss Sinead Harnett sich nicht sorgen. An dem Tag, als sie entdeckt wird, verkörpert sie die valiumabhängige Frau eines schwulen Mannes. Es ist ihr letzter Auftritt an der Uni, in Tony Kushners AIDS-Drama «Angels in America«. Später geht sie mit dem Ensemble aus, Harnett checkt ihren neuen Twitter-Account. Benachrichtigungen. Mehr Benachrichtigungen. Und ein Angebot von Wiley, Grime-Rapper aus London, der eine Duett-Partnerin sucht. Eine Freundin empfiehlt ihm Harnett, noch am selben Abend telefonieren sie. Er schreibt den Song, sie den Refrain, nimmt ihren Gesang bei einem Freund auf. Und noch bevor sie sich zum ersten Mal sehen, läuft ihr gemeinsamer Song auf BBC 1 Xtra.

Das war 2011. Seitdem: Quantensprünge einer talentierten R’n’B-Sängerin, die zunächst gar nicht daran glaubt, mit Musik Geld verdienen zu können. So leiht sie ihre Stimme zunächst für die Elektroherren von Disclosure, nimmt dann Songs mit Rudimental auf. Es dauert bis 2013, bis Harnett ihrer eigenen Karriere Stimme verleiht, ihre erste Single veröffentlicht: „Got Me“.

Die Elektroklänge runtergefahren, ein wenig sinister, mit einer Stimme, zart und reichhaltig, klirrend klar und trotzdem rauchig, so klingt „Got Me“. Eine Verheissung, ein Versprechen, ein Appetizer für ihr erstes Album. Doch Harnett lässt sich Zeit.

Die Mittzwanzigerin mit den dunkelbraunen Mandelaugen, das Mädchen aus North London, damals hörte sie Tina Turner, Whitney Houston, Amy Winehouse. Dizzee Rascal und britischen Garage. Eingängige und unbequeme Musik. Pop. Soul. Underground.

Ihre erste EP, "N.O.W.", erschienen im August 2014, hat sich vollgesogen an dieser Inspiration. Und zelebriert auf sehr eigene, experimentelle Weise leichteste Schwermut und raubeinigst gehauchten R'n'B mit ein wenig Elektrosternenstaub. Eingängig wie guter Pop. Lebendig, soulig, sinnlich. Oldschool wie zeitgeistig. So wie die Single „No Other Way".

Ihr Debütalbum nahm sie zu Teilen im Westlake Studio in L.A. auf, dort, wo auch Michael Jackson sein „Thriller“ einsang. Noch hegt sie ihren Erstling, feilt, dreht an den Reglern, macht letzte Verbesserungen. Umwerfend soll es sein. Wird es wohl auch. Schon jetzt tänzeln nicht mehr nur Blogs, sondern die britische Musikpresse, ob der Nervosität, ob der Tanzbarkeit, ob der Verknalltheit, in gespannter Erwartung.

Mitte des Jahres 2015 werden sich die Experten auf die Hinterbeine stellen und wahrscheinlich, nein: ziemlich sicher, applaudieren, eine Nachfolgerin für Jessie Ware ausrufen oder eine querköpfige Adele. Doch eigentlich ist Sinead Harnett ganz anders.

Wunderbar anders.

Sinead Harnett @ Soundcloud