Verboten

Die New Yorker Nacht erwacht wieder

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Wie die Zukunft klingt? Das erfahren Sie hier – wo die Musik spielt. An den Orten, an denen Innovative und Experimentierfreudige zusammenkommen, um gemeinsam mit anderen Neues zu hören und neu zu hören. Wir laden Sie ein, einen Blick hinter die Kulissen dieser Audiowelten zu werfen: angesagte Clubs, legendäre Aufnahmestudios, Kunst- und Klanglocations

Im Verboten ist fast alles erlaubt. Die Elektropartys im angesagten Club in Williamsburg sind wild und frei – im Gegensatz zu den schicken und teuren Abenden im Rest von New York. Nicht umsonst trägt das Viertel den Spitznamen „Little Berlin“.

  • Autor: Simon E. Fuchs
  • Fotos: Razberry Photography, Csquared Photography, Khadija Bhuiyan, Menbar Photos, Oliver Correa
  • Video: Write on the Money Productions and Rocky Ramniceanu

Die Lichter Manhattans spiegeln sich im Wasser des East Rivers, blickt man Abends von Williamsburg herüber. Manhattan war mal das, was Williamsburg heute ist: das neue Zentrum der Clubkultur in New York. Studenten, Musiker und Künstler haben das teure Manhattan verlassen und sind in die ehemaligen Fabrikhallen von Williamsburg gezogen. Vier Minuten geht man vom Wasser zum Club Verboten. Er liegt im neuen Party-Distrikt um die Whyte Avenue im Westen Brooklyns. Unprätentiöse Backstein-Clubs haben die schnöseligen Rooftop-Bars Manhattans ersetzt.

„Das Nachtleben von New York war in einem üblen Zustand. Clubs haben mehr Wert auf Promis gelegt, als auf gute Musik. Außerdem hat der New Yorker Bürgermeister lange versucht, Clubs zu schließen“, sagt John Perez, Mitbesitzer des Verboten. Vor knapp über einem Jahr hat er in der Nähe des East Rivers in einer ehemaligen Industriegegend in Williamsburg den Club Verboten eröffnet.

In dem ehemaligen Metallfabrikladen sind die alten Maschinen verstummt. Elektrobeats beschallen heute die bis zu 750 Clubgänger. In dem unscheinbaren Backstein-Gebäude versteckt sich ein Tanztempel. Hat man die Garderobe hinter sich gelassen, liegen zwei Räume vor einem.

Eine riesige Diskokugel thront über der Tanzfläche. Unter nackten Balken wabern grelle Wellen über die Panoramabildschirme im großen „Control Room“. Alter Industriecharme meets neue Technik. Cocktails, die Namen von Science-Fiktion-Romanen tragen, werden an der Bar für 14 Dollar verkauft. An der Theke biegt man links ab in die intimere „Cabaret Bar“. In diesem Raum tanzt eine kleinere Crowd zur Technomusik eines zweiten DJs.

Eine überdimensionale Kanzel, von der aus Musik gepredigt wird, gibt es nicht. Die DJs sind fast auf Augenhöhe mit dem Publikum, wenn sie ihre Platten auflegen. Nicht nur das Ambiente im Club ist besonders. Auch die Tanzfläche hat ihre eigene Geschichte. Der Holzboden des Clubs stammt aus einer alten Lagerhalle des amerikanischen Erfinders Thomas Edison – die Schwingungen der Bässe werden direkt in die Beine geleitet. Schwarze Ledersofas rahmen die Tanzfläche im großen Raum ein. Im Nebenraum kann man seine Cocktails auf riesigen roten Sofas schlürfen.

Einen strikten Dresscode gibt es nicht. Perez sagt: „Wir wollten mit typischen Clubregeln brechen, möglichst unterschiedliche Menschen sollen zusammenkommen und gemeinsam feiern.“ Ein mit roter Kordel abgetrennter VIP-Bereich? Champagnerflaschen, die in Kübeln effektvoll zu den Tischen getragen werden? Fehlanzeige. Understatement statt Protz. Williamsburg statt Manhattan.

Große Namen der Elektromusik wie Jamie XX, DJ Koze oder der Engländer Lee Burridge hat Verboten bereits nach New York geholt. Außerdem legt der aus Detroit stammende DJ Carl Craig auf, der besonders mit seinen genreübergreifenden Kombinationen aus Klassik und Elektromusik bekannt wurde.

Man kann die Nacht durchtanzen – bis sechs Uhr morgens. Wird die Nacht zum Tag, gibt es im Verboten Frühstück. Am Wochenende können hungrige Clubber von 12 bis 20 Uhr in der „Cabaret Bar“ brunchen. Pancakes und Rührei für jeweils 13 Dollar stehen auf der Speisekarte. Verboten wäre kein Club, wenn dazu nicht am Nachmittag ein DJ auflegt. In regelmäßigen Abständen wird die Party aus dem Backsteinclub auch nach draußen verlegt. Das Festivalgelände liegt direkt am East River, ein paar Straßen vom Verboten entfernt. Bei der Partyreihe „StageONE“ legen DJs unter freiem Himmel auf, getanzt wird vor der unglaublichen Kulisse der Hochhäuser von Manhattan, die auf der anderen Seite des East Rivers emporragen. Sphärische Housemusik begleitet jeden Montag- und Dienstagabend die Yogastunde, die unter dem deutschen Namen „Willkommen“ läuft. Im Club selbst oder bei gutem Wetter im McCarren Park in unmittelbarer Nähe zur Williamsburg Bridge werden die bunten Yogamatten ausgebreitet. Die Getränke wechseln von Cocktails und Bier zu Wasser und frischer Kokosnussmilch. Einmal die Woche tanzt man nicht bis zum Sonnenaufgang, sondern schwitzt beim Sonnengruß.

Doch Verboten war nicht immer ein Club. Die vergangenen zwölf Jahre stand der Name für halblegale Partys, die verlassene Fabriken und heruntergekommene Lofts in Underground-Tempel verwandelten. Diese außergewöhnlichen Partys in New York brachten Preise: 2012 den „Best Party Award“ des Magazins Time Out New York, 2013 den Preis als „Best Event Promoter“ bei den International Dance Music Awards. Der Erfolg stärkte den Wunsch, einen eigenen Club zu besitzen.

Das Ehepaar Jen Schiffer und John Perez und der Mitinhaber Michael Roche haben letztes Jahr das Gebäude aus rotem Backstein in Williamsburg gefunden, und die Industriehallen umgebaut. Der neue Club liegt in guter Nachbarschaft: nicht weit entfernt von den Clubs Output und Brooklyn Bowl. Angesagte Bars wie Crown Victoria, Pete’s Candy Store oder Union Pool sind nur ein paar Blocks entfernt. Das hippe Wythe Hotel liegt auch an der nächsten Straßenecke.

Schiffer, Perez und Roche haben schon vor ihrer Zeit als Verboten-Besitzer viele Erfahrungen im internationalen Nachtleben gesammelt. Roche war zuvor Tourmanager für Deep Dish und Erick Morillo und hat Partys in Clubs wie Warung Brazil und Womb Tokyo organisiert. Jen Schiffer und John Perez beschrieben sich selbst in der New York Times als „club kids“. Das Paar hat sich in einem Nachtclub auf Ibiza verlobt. Jetzt wagen die drei ein neues Abenteuer mit dem Club Verboten. Warum der deutsche Name? „Wir wollten an die großartige deutsche Technokultur erinnern“, sagt Perez. New York solle wieder in einem Atemzug genannte werden mit dem Dance-Music-Hotspot Berlin.

Mit Verboten wollen die Macher aber auch an die alten New Yorker Clubs Paradise Garage oder Twilo erinnern, die New York damals den Ruf als Elektrohimmel gebracht haben. „Bei denen ging es nur um Musik und um die richtige Stimmung“, schwärmt Perez. Das Credo der drei: eine Alternative zu den aktuellen konservativen Champagnerclubs in Manhattan bieten. Die New Yorker Clubszene sollte nicht nur mehr ein Schatten ihrer selbst sein. Sie haben es geschafft: Clubs wie Verboten haben die New Yorker Nacht wiedererweckt.

Adresse: 54 N 11th Street,
Brooklyn New York, 11211 USA
Kapazität: 750
Dresscode: alles ist erlaubt, nur von Anzug und Raverklamotten wird abgeraten
Öffnungszeiten: 23 Uhr bis 6 Uhr, Brunch: Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr, Yoga: Dienstag 19 Uhr
Eintritt: Vorverkauf ab $ 20, an der Tür: $ 40
Homepage: www.verbotennewyork.com