Who Killed Bruce Lee

Orientalische Würzmischung

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Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Von Beirut nach Berlin: Mit ihrer Mischung aus Indie- und Rocksound will die libanesische Band „Who Killed Bruce Lee“ jetzt Europa erobern.

  • Autor: Janna Cramer
  • Fotos: Who Killed Bruce Lee
  • Video: Directed and produced by WKBL and Teddy Tawil

Es gibt weltbewegendere Fragen als die, wer eigentlich die Barbecuesauce erfunden hat. Das muss man so sagen. Aber wenn die Welt um einen herum sich ohnehin schon so rasant und gefährlich bewegt wie die der libanesischen Band Who Killed Bruce Lee, dann muss man sich jenseits von Nahostkonflikt und syrischem Bürgerkrieg auch einfach mal mit den schlichten Dingen des Lebens beschäftigen.

Etwa mit Grillsoßen. Wassim Bou Malham kann gar nicht anders als darüber zu sinnieren, denn er liebt die Brutzelei, zu der nun mal eine würzige Tunke gehört. Wenn der 28-Jährige mit seinen drei Bandkollegen in der libanesischen Hauptstadt Beirut nicht an neuen Songs feilt, hängt er manchmal solchen Gedanken nach. Es ist sein humoristischer Weg, mit den Widersprüchen der arabischen Welt zurechtzukommen.

Momentan haben die Vier dafür allerdings wenig Muße, denn auch beruflich brechen für sie nun aufregende Zeiten an. Es begann ganz unverhofft im Jahr 2014, als Who Killed Bruce Lee beim Bandwettbewerb „Red Bull Sound Clash“ in Beirut mitmachten. „Da kamen erfahrene Leute aus der Musikindustrie auf uns zu“, erinnert sich der Gitarrist Wassim. „Und die sagten, wir hätten da so einen besonderen Stil, und aus uns könne was werden.“ Eine Ansage, welche der Band den nötigen Schub gab. Denn für junge Musiker ist der Libanon ein schwieriges Pflaster.

„Alles ist soviel sexier, wenn du mal aus deinem alten Trott rausgehst“

Zwar ist Beirut, bis zu seiner Verwüstung im Bürgerkrieg kosmopolitisches Zentrum der Levante-Küste, nach wie vor etwas Besonderes im Land und auch vergleichsweise liberal geblieben: Hier vibriert das Nachtleben, die Menschen genießen Taboulés und Falafel an den Straßenständen, dann ziehen sie in die Clubs weiter und tanzen sich zu Indie und Elektro die politischen Probleme aus dem Kopf.

„Klar, die Leute wollen auf andere Gedanken kommen“, sagt Malek Rizkallah, 28, Drummer bei WKBL. „Wenn tagsüber eine Bombe einschlägt, gehen sie abends in Bars feiern und reißen Witze über die Explosion. Klingt paradox, aber so ist es hier.“ An volle Clubs ist die Band gewöhnt. „Aber Konzerte und Live-Musik? Das kennen die Leute hier noch nicht“, sagt Malek.

Und so profitieren die Rockbands der Region kaum vom Erfolg der Nachtclubs. In den wenigen Konzerthallen sieht man schnell die immer gleichen Gesichter. Keyboarder Hassib Dergham glaubt: „Von 4,5 Millionen Libanesen kommen dieselben 10 000 regelmäßig zu unseren Auftritten.“ Mit dem Gewinn im Bandwettbewerb öffneten sich endlich neue Türen für Who Killed Bruce Lee. Eine führte nach Paris.

Die vier Musiker bekamen eine Reise an die Seine spendiert und nahmen ein paar Songs im Red-Bull-Studio auf. „Alles ist so viel sexier, wenn du mal aus deinem alten Trott rausgehst“, schwärmen sie. „Wir haben gemerkt, was in uns steckt, wenn die Bedingungen stimmen“, sagt Malek. Das heißt: fordernde Produzenten, exzellente Technik, eine ideale Arbeitsatmosphäre. Zum Schluss spielte die Band im Live-Club „La Boule Noire“ im Montmartre. Ihr orientalisch angehauchter Indie-Rock-Sound kam an in Europa.

Zu ihren Vorbildern zählen die Männer Led Zeppelin, The Who oder Queens of the Stone Age, aber auch der Rapper Jay-Z und arabische Künstler wie Abdel Halim Hafez aus Ägypten oder Oum Kulthum, die arabische Callas. Kennengelernt haben sich Wassim, Malek, der Bassist Pascal Sarkis und Keyboarder Hassib Dergham 2010 im Blues-Club von Maleks Vater, dem „Quadrangle“ in Beirut. Es war „open night“, die Bühne frei für alle. „Du isst Pizza, trinkst dein Bier für drei Dollar, und jeder kann abrocken. Wir haben einfach geklickt“, sagt Malek.

„Wenn tagsüber eine Bombe einschlägt, reißen die Menschen abends Witze darüber“

Im Sommer werden Who killed Bruce Lee nach Berlin ziehen und dort ihr erstes Album aufnehmen. Vor allem aber gehen sie auf Tournee, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, mindestens ein Jahr wollen sie in Europa bleiben. „Gerade arbeiten wir am Papierkram für die Einreise“, sagt Wassim. Für keinen der vier ist es leicht: weder der Kampf mit der Bürokratie, noch der Entschluss, die Heimat zu verlassen. Wassim hat schon die Liebe seines Lebens gefunden und will sie eigentlich heiraten. „Doch die Familien im Libanon stellen sich normalerweise jemand anders für die Tochter vor als einen herumreisenden Musiker“, sagt er.

Wieder so ein Moment, der Wassim nachdenklich macht. Die Schwermut des Orients, ab und zu ergreift sie ihn und lässt ihn stundenlang grübeln. Über gesellschaftliche Konventionen zum Beispiel, die sich zwischen ihn und seine Liebe stellen. Doch Melancholie und Humor, sie liegen in seiner Welt erstaunlich dicht beieinander. Und so kommt man eben ganz schnell auf die Frage nach dem Erfinder der Grillsoße. Oder dem Mörder von Bruce Lee. Der Bandname belegt schließlich perfekt die Absurdität der arabischen Welt: Bruce Lee wurde gar nicht ermordet. Er starb an einem Hirnödem. Aber man könnte ja mal darüber nachdenken, was gewesen wäre, wenn...