Nina Backmann

Extrem leise und unglaublich nah

People

Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Großstadt-Lärm lässt keinen Platz für Ruhepole. Denkt man. Stille-Expertin Nina Bachmann sucht sie trotzdem. Mit ihrem interdisziplinären „Silence Project“ zeigt die finnische Künstlerin Nina Backman wie unterschiedlich, widersprüchlich und persönlich das Erleben von Stille sein kann – ob in China oder in Berlin.

  • Autor: Sennheiser
  • Fotos: Sennheiser
„Ohne Stille könnte ich keine Kunst machen.“

Finnland, die Heimat der Stille-Expertin, ist ein großes Land mit wenig Bevölkerung; Stille gibt es hier fast überall. In Berlin, wo Backman seit fünf Jahren lebt, nicht. Und weil sie die gewohnte Stille vermisste, fing sie an, in ihrer neuen Heimat danach zu suchen, gemeinsam mit anderen Künstlern, Philosophen, Stadtplanern und Ingenieuren.

In Finnland herrscht „Jokamiehenoikeus“, die Tradition des „Jedermannsrechts“: Jeder darf überall hingehen, Land und Wälder sind für alle da. Deshalb sind die Menschen auch sehr eng verbunden mit der freien Natur, ihrem Raum und ihrer Stille. Die Stille sei ihr Zuhause, sagt Nina Backman.

Die Künstlerin hat aber auch ein ganz konkretes Zuhause: Eine Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, wo ein „stiller Spaziergang“ starten soll. Nina Backman ist eine schöne Frau. Die 42-Jährige ist groß, die hohen, fast asiatisch anmutenden Wangenknochen sind typisch für Lappland, von wo ihre Mutter stammt. Über ihren Kaftan stolziert ein bunter Pfauenvogel. Und still zu sein fällt Backman ziemlich schwer – besonders wenn es um ihr „Silence Project“ geht und um die interaktive App „Silence Cities“, die sie zusammen mit dem Softwareentwickler und Kunstsammler Ivo Wessel entwickelt hat. Eine Art Stadtführer, den es bald auch in anderen Städten geben soll.

Wie kam es zu der Idee? Ich wollte wissen, ob man die „nordische“ natürliche Stille, die ich aus Finnland kenne, auf den urbanen Raum übertragen kann. Wenn es in der Stadt schon keine natürliche Stille gibt, dann doch eine menschengemachte. Ich will wissen, wo und wie Leute in aller Welt Stille finden.

Den Anfang des global ausgerichteten Projekts macht Berlin; erste Stillestation ist der denkmalgeschützte Friedhofspark im Helmholtzkiez, der vor gut 150 Jahren von der Freireligiösen Gemeinde Berlins angelegt wurde. Eine kleine Oase mitten in der Stadt. Ein friedlicher und stiller Ort – obwohl es einen Spielplatz gibt und manche Leute hier picknicken. Es ist einer der Orte, die man über unsere App finden kann.

Auf dem Friedhof ist es dann aber alles andere als still. In der Kapelle finden Bauarbeiten statt, die Arbeiter hören laut Musik. Ein kleines Kind schreit. Und hierher führt die Stille-App? Das ist eine der Herausforderungen. Die App muss sehr flexibel sein. Die Stille ist manchmal nicht nur abhängig vom Raum, sondern auch von der Zeit. Deshalb steht dann oft auch da, wann für welchen Ort die beste Zeit ist, ihn zu besuchen.

Das Kind schreit unablässig weiter. Und man fragt sich, ob Kinder sich der Stille überhaupt bewusst sein oder sie sogar genießen können? Oh ja, ganz sicher! Kleine Kinder sind gern für sich selbst. Gerade wenn sie anfangen, die Welt zu entdecken. Stille ist ein wichtiger Teil der menschlichen Entwicklung!

Auch Künstler entdecken bei ihrer Arbeit die Welt immer wieder neu. Funktioniert Stille also auch als Inspirationsquelle? Ohne Stille könnte ich keine Kunst machen. Wenn ich anfange, eine Idee zu entwickeln, ist es wichtig, alles andere abzublocken. Ich muss meine eigenen Gedanken hören. Wenn ich aber zum Beispiel male, höre ich durchaus auch mal Musik.

Teil des „Silence Project“ ist eine Ausstellung mit Werken von sechs skandinavischen Künstlerinnen. Aber wie funktionert so etwas, so eine Ausstellung zum Schweigen? Ich habe Künstlerinnen ausgesucht, die diesen Rückzugsraum kennen, auch wenn sie wegen ihrer internationalen Karrieren Jetsetter sind. Etwa die Isländerin Rebekka Guðleifsdóttir: Sie zeigt Fotografien, die sie selbst in der spektakulären Natur ihrer Heimat zeigen. Sie erzählt, wie begeistert sie als Kind von all den abgelegenen meteorologischen Stationen war – dort entstanden auch ihre Bilder. Oder die Finnin Marja Helander: Sie fotografiert menschenleere Orte bei Nacht. Aber bei ihr wirkt das Leuchten einer Tankstelle im Schnee nicht apokalyptisch – die Stille wird zum allumfassenden Element der Landschaft. Eigentlich ist die Stille für diese Künstlerinnen genau wie für mich mehr als ein Thema ihrer Arbeit, sie ist eine Voraussetzung: Für sie bedeutet Stille nicht nur die Abwesenheit von Lärm, sondern auch eine Kraftquelle.

Bei all den Künstlerinnen ist Stille positiv besetzt. Aber Stille kann doch auch sehr unangenehm sein. Man denke nur an ein Ehepaar, das sich schweigend gegenübersitzt, weil es sich nichts mehr zu sagen hat… Ganz bestimmt! Es gibt auch eine sehr dunkle Seite von Stille. Sie kann Verlassenheit bedeuten, Entsolidarisierung, Schmerz. Eine Foltermethode ist ja, den Menschen nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Ein anderer Extremfall sind psychische Krankheiten, bei denen die Menschen in sich selbst, in ihrem Kopf, gefangen sind und keine Stille finden können. Oder die fast gespenstische, sterile Stille in den „Gated Communities“ der Superreichen, also abgeschirmten Wohnvierteln etwa in Dritte-Welt-Ländern.

„Stille ist nicht nur die Abwesenheit von Lärm.“

In Berlin ist der Lärm gleichmäßig verteilt. Aber wenn man all die abgelegenen finnischen Orte mit ihren langen dunklen Wintern vor Augen hat – ist Stille nicht auch bedrohlich? Viele Finnen auf dem Land sind sehr isoliert und einsam. Aber ich liebe die Stille, sie war schon immer ein Teil meines Lebens, auch wenn sie nie losgelöst ist von Melancholie. Und in unserer Kultur ist es zum Beispiel auch völlig in Ordnung, beim Essen – selbst bei einer Einladung – nicht zu sprechen. Anderswo wäre das vielleicht unhöflich oder komisch. Da ist es sicher kein Zufall, dass ein „Silence Meal“ Teil des „Silence Project“ ist. Die Gäste treffen sich bei einem mehrgängigen Menü – und einer guten Portion Stille: Während der zwei Stunden ist Schweigen oberstes Gebot … Vielen ist das Schweigen erst mal peinlich. Man kann Unsicherheiten nicht mit Small Talk übertönen. Man hört das Glucksen, wenn Wein eingeschenkt wird, oder wie die Leute kauen oder sogar schmatzen. Aber es ist interessant, wie schnell die Leute sich dann doch entspannen – und hinterher richtig begeistert sind.

Die Gäste zahlen also neben dem Essen auch für den Genuss des Schweigens. Andere geben Geld für einen „Schweige-Urlaub“, etwa in einem Kloster, aus. Backman wundert das nicht. Sie findet, dass Stille zum Luxusgut geworden ist. Auch im Prenzlauer Berg. Backman geht jetzt zielsicher auf die grün gestrichene Eingangstür eines Gründerzeithauses zu. Die Berliner Architektur ist wie geschaffen für die Stille! Es gibt so unglaubliche Hinterhöfe überall. Wenn man von oben drauf schauen würde, würde man viele kleine Wälder entdecken. Wer ein paar Meter weiter auf der Straße entlanggeht, ahnt nichts davon.

Der Hinterhof, in den die Künstlerin führt, ist ein Schmuckstück: Zwischen uralten Eichen und Wildblumen plätschert ein Bach. Aus den umliegenden Fenstern dringen gedämpfte Stimmen. Tief durchatmen. Doch dann steht eine Frau hinter Backman und fragt misstrauisch, was sie hier suche. Es ist schade, dass viele dieser Plätze nicht in der App vorkommen dürfen. Dabei waren diese Hinterhöfe vor wenigen Jahren noch selbstverständlich öffentlich zugängliche Orte. Jetzt wollen die Bewohner sie für sich haben, sich abschirmen. Das macht diese stillen Orte zum Luxusgut. Ich glaube, auch deshalb ist Stille ein Thema, das immer wichtiger wird: Die Stille verschwindet aus unserem Alltag, wir sind von so viel Lärm umgeben, dass es immer schwieriger wird, Ruhe zu finden. Wenn man nach der Zukunft der Stille fragt, geht es immer auch um die Zukunft des öffentlichen Raums: Wie wird der Raum aufgeteilt? Wer hat wo das Recht auf Ruhe, die Möglichkeit, sich zurückzuziehen?

Das gilt wohl besonders für die Menschen in vielen asiatischen Boomtowns... Weil die Menschen dort auf so engem Raum leben, sind sie auf die öffentlichen Plätze angewiesen – und immerhin haben sie all ihre Tempel als Ruheoasen. Aber genau deshalb reizt es mich, das Projekt auf Asien auszuweiten: Mich interessiert, was Stille in verschiedenen Kulturen bedeutet. Ich will, dass das Projekt wächst und die Leute verstehen, dass Stille nicht gleich Abwesenheit von Lärm ist.

Deshalb geht es Backman beim „Silence Project“ nicht nur um eine künstlerische Auseinandersetzung. Sie sammelt etwa für Diskussionsrunden Ideen von Wissenschaftlern, Philosophen, Städteplanern und Sound-Ingenieuren, zum Beispiel aus der Autobranche – und natürlich von „ganz normalen“ Stadtbewohnern: Alle können uns mitteilen, wo oder wie sie Stille finden. Das kann ein konkreter oder ein abstrakter Ort sein, den man vielleicht nur im Geist findet.

An einen solchen Ort führt Backman jetzt: die Kreuzung Eberswalder-/Danziger Straße. Vier mehrspurige Straßen. Tramlinien. Verkehr, Menschen, Lärm. Ein Berliner hat gesagt, hier finde er die tiefste Stille. Mitten in dem Lärm hat er das Gefühl, sich unsichtbar machen zu können. So ähnlich sehen das offenbar auch viele, die vom Land in die Stadt ziehen. Und ein Schriftsteller meinte, er könne besonders gut in Cafés arbeiten, wenn der Geräuschpegel konstant ist, wenn die Gespräche vor sich hinplätschern. Wir sind offen für alle möglichen Interpretationen und bekommen Adressen zugeschickt, Texte, Bilder oder Sounds.

Den Sound der Stille? Wie geht das? Eine Sounddatei kommt zum Beispiel aus der Gethsemane-Kirche in der Stargarder Straße, ein paar Hundert Meter von der lärmenden Kreuzung entfernt. Mit dem großen Tor öffnet sich der Zugang in eine andere Welt. Draußen ist es heiß, stickig, laut. Drinnen ist es kühl, und unheimlich still – und eben auch nicht. Wirkliche Stille gibt es in unserem Alltag gar nicht. Gerade an vermeintlich stillen Orten, bei einem Waldspaziergang, in einer Kirche, werden einem erst all die Geräusche bewusst, die man sonst überhört. Und das gilt selbst für die seltenen Orte, an denen es wissenschaftlich gesehen mucksmäuschenstill ist: in sogenannten „Noise-free Labs“, etwa am Nanotechnologiezentrum der ETH Zürich: Wer in dem schalldichten Raum steht, kann sein eigenes Blut rauschen hören.